Uschi und Hans

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    34.


    d.15.VIII 47


    Du meine Liebste!


    Gerade ist mir eine Zeitung in die Hände gefallen, die an einer graphischen Darstellung die Zerstörungen in Deutschland zeigt und ich sah zu meinem Schrecken, daß Neustr.(elitz) zu 50 % zerstört bezeichnet wird – das hab ich garnicht geahnt. Nun versuch ich mir vorzustellen, wie es aussieht, es gelingt nicht – ich seh immer nur das Bild vom Juni 42, tiefster Friede und keineswegs gebrochene Menschen , nun wird alles anders sein, ich weiß es ja, aber fassen kann ich's noch nicht. Deshalb will ich aber nicht ratlos vor dem Gedanken stehen, wir wollen ja aufbauen, aus dem Nichts. Wenn ich lese, daß auch Ihr um Euer Heim zittert, läuft's mir heiß und kalt den Rücken herunter, wenn ich nur wüsste was das ist, wenn ich nur unter meinen ersten drei Schritten zu Haus nicht gleich einen mache der verkehrt ist.-


    Uschi Du verstehst mich, eigentlich sollte man es ja gelernt haben .- Wie dem auch sei, wir werden das Kind schon schaukeln, nur wenn's erst da ist.- Uschi und wie wird’s mit der Hochzeit noch zum Erntedankfest? Da bin ich dann bestimmt. Du, hab ich nicht eine prophetische Gabe? In 14 Tagen also ungefähr, wenn Du diesen Brief hast, geht meine Reise hier los. „Man sagt“ das es dann bis zur Ankunft zu Hause noch einmal 14 Tage dauert. Für die russ. Zone eher noch etwas länger. Das für uns zuständige Quarantäne-Lager „soll“ Güstrow sein, na ja das werden wir ja sehen. Jedenfalls wirst du mir hier irgendwohin entgegen kommen, nicht Du, Uschi und dann geht’s über die bewußte Brücke gemeinsam nach Hause - „nach Hause“ ein herrliches Wort – wie ein schöner Traum.- Und das ist das Schönste daran: Mag's aussehen zu Hause wie es will – es ist doch endlich „zu Hause“.-


    Mein Lieb, Deinen Brief 25 (aus Marseille) hab ich heute bekommen, nun denk ich doch, daß die anderen aus Afrika auch noch nachkommen - ach und wenn sie nicht kommen ist's auch nicht so schlimm – ich komme ja, ach Du ich könnt's vor lauter Freude immer wieder laut ausrufen, Uschi mein Herz ich komme! - Mir geht’s gut gesundheitlich mein ich, ich hätt's selbst nicht geglaubt, daß ich mich so schnell wieder erhole.


    Ich fühl mich schon wieder kerngesund und sammel nun Reserven. Du die Sache mit dem „einfach ein paar Pfund abdenken“ ist doch recht bedenklich – zumal bei meinen jüngeren Geschwistern – versteht sich, nicht?


    Aber ich glaube doch, daß wir nicht aneinander vorbeilaufen werden , übrigens von Güstrow nach Hause ist's ja nicht mehr weit und Du Uschi, kannst dann wählen ob Du irgendwo stehen willst und ich komm angesegelt, oder ob's umgekehrt sein soll – fabelhaft die Auswahl nicht? Ach Du, wenn ich daran denke, wenn Du diesen Brief hast bin ich sicher schon unterwegs und wenn es noch einmal einen längeren Aufenthalt gibt vor dem Quarantäne-Lager in der russ. Zone schreib ich noch mal , sonst bekommst Du meinen nächsten Brief schon aus Mecklenburg .-


    Hoffentlich haben wir dann noch etwas gutes Wetter im Herbst, ich möchte ja nicht gern im Oktober schon so Knall und Fall im Winter sitzen - vor dem Winter hab ich überhaupt wieder mal so einen leichten Bammel, Uschi, auch ein Grund. Wir müssen gleich heiraten... oder meinst Du noch wir (besonders ich) müssten uns erst noch mal nach den „Gelegenheiten“ umsehen, bevor geheiratet wird, wie Du mir 43 schriebst? Ich habe übrigens inzwischen auch zwei fabelhafte „Gelegenheiten“ ausgeschlagen – aber das sind so langatmige Geschichten, die muß ich Dir dann erzählen.-


    Uschi , in diesem Brief geht wieder mal alles durcheinander – das ist aufs innigste mit meiner Stimmung verknüpft – weil in mir alles singt und lacht – da nützen die ernstesten Vorstellungen nichts – das muß nun wohl sein - und so soll es sein.- Liebste, dies ist nun der letzte Gruß aus Frankreich: Auf ein Wiedersehen in der Heimat und auf eine frohe und glückliche gemeinsame Zukunft die wir ertrotzen wollen, gleich ob von „Grau oder Schwarz“.!-


    Von ganzem Herzen Grüße ich Dich und alle meine Lieben .-


    Ganz innig küßt Dich Dein Hanner

    Mit besten Sammlergrüßen


    Gratian


    Alle meine Aussagen erfolgen nach bestem Wissen und Gewissen, jedoch ohne Gewähr für Ihre Richtigkeit. In keinem Fall wird für Schäden, die sich aus der Verwendung der abgerufenen Inhalte ergeben, Haftung übernommen.

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    Hier enden die Aufzeichnungen der Briefe von Hans und auch in der Kladde ist fast kein Platz mehr. Nur noch ein Blatt ist frei und unbeschrieben. Auf den letzten 3 Seiten seines Notizbuches hat Hans akribisch alle Briefe die er versendet aber auch erhalten hat aufgelistet, mit Datum und dem jeweiligen Aufenthaltsort.


    Wir wissen nicht wie es Hans und Uschi weiter erging, ob ihre Wünsche und Träume in Erfüllung gingen, ob sie eine gemeinsame Zukunft hatten oder ob die Bilder die Beide von ihrem jeweiligen Partner in dieser langen Zeit gezeichnet hatten dem Stand hielten was der Alltag in der Nachkriegszeit für Beide bereit hielt. Hans scheint relativ alt geworden sein, denn wohl erst nach seinem Tod kamen die Notizen über eine Haushaltsauflösung im Jahr 2010 auf einen Flohmarkt wo ich sie entdeckte.


    Ich habe sie veröffentlicht, weil sie zum Einen das Zeugnis einer betrogenen Generation sind, die um die besten Jahre ihres Lebens und ihre Jugend gebracht wurden. Die Briefe sind zum Anderen auch ein Stück Kriegs- und Nachkriegsgeschichte ganz normaler Menschen. Sie erzählen eine Geschichte und schildern zwei Schicksale wie sie sich so oder so ähnlich viele tausend Male, teilweise auch noch tragischer und dramatischer abgespielt haben. Die Briefe zeigen auch eindringlich wie sich Menschen in extremen Situationen durch ihren Glauben an Ziele und Träume, mit viel Disziplin positiv beeinflussen und so seelisch überleben können.


    Wir haben Hans als nachdenklichen, gebildeten, selbstkritischen und intelligenten jungen Mann kennen gelernt, der trotz seiner jungen Jahre nicht zerbrochen ist oder resigniert hat, sondern in den 5 Jahren seiner Gefangenschaft gereift ist. Aus seinen Briefen spricht eine lebensbejahende Einstellung, der unbedingte Willen nach Eigenbestimmung, Mut zum Wiederaufbau und die Sehnsucht nach privatem Glück nach der Katastrophe des zweiten Weltkrieges. Das ist es was unseren Eltern, und großen Teilen der (Nach-)Kriegsgeneration eigen war und ohne das es den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder in Deutschland in diesem Maße wohl nie gegeben hätte.


    Damit beende ich die Wiedergabe der Aufzeichnungen auf den Tag genau 68 Jahre nachdem Hans seinen letzten Brief an seine Uschi verfasst und versendet hat.



    Hamburg, 15.08.2015

    Mit besten Sammlergrüßen


    Gratian


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    Irgendwie schade... Die langen Jahre der Gefangenschaft, in denen er immer wieder vom Wiedersehen, seiner Rückkehr und seiner Zukunft in Deutschland schreibt.... und nun, so knapp vor Wiederkehr, Wiedersehen, Hochzeit und gemeinsamen Leben (?) endet diese "Serie. Ich hätte es gern weiterverfolgt, wie nun das Wiedersehen und die ersten gemeinsamen Jahre, wenn es sie denn gab, verlaufen sind.

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    Danke für die Mühe! Auch wenn ich gestehen muss, aus Zeitmangel nicht alle Briefe gelesen zu haben. Doch erinnern mich diese an meine Oma und ihrem Vater. Nicht nur der Jugend wurden die besten Jahre geraubt, sondern auch den Kindern ihre Kinderzeit.
    Mein Uropa fiel im II.WK auch in französischer Kriegsgefangenschaft, wann und wo, weiß ich nicht, es existieren keine Unterlagen dazu. Meine Uroma wusste wohl nicht mal, ob er noch lebt, es haben sich auch keine Briefe gefunden, daher werden sie nicht geschrieben haben. Meine Oma ist ein typisches Kriegskind, geboren 1941, ist sie die ersten Jahre ohne Vater aufgewachsen. Dieser kam erst 1948 nach Hause und meine Oma bemerkte damals nur zu ihren Mutter: "Mami, da ist wieder ein Bettler an der Tür, der will bestimmt eine Fettbemme haben." Meine Uroma hat ab und zu an Bedürftigte etwas Essen verteilt, wenn was übrig war. Sie korrigierte meine Oma und sagte nur: "Das ist kein Bettler, das ist dein Vater!". Erst da lernte meine Oma ihren Vater kennen, immerhin noch rechtzeitig vor der Einschulung...


    Gruß Chippi

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