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Schwarze Kunst Grundsätzliches zu Druck, Bindung, Einbänden, Lagerung, Restaurierung, Bilder von Bibliotheken, etc.

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Alt 10.06.2013, 17:42   #1
orthogonal
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Bei den älteren Büchern kommt man mit den DinA4-Formaten nicht weiter, sondern muss sich mit Ausdrücken wie "Folio", "Quart" und "Oktav" beschäftigen. Erfreulich, dass auch diese einer Logik folgen. Es ist sogar einfach.

Ausgangsprodukt ist der Bogen, der mittels Schöpfsieb aus der Bütte gewonnen wird. Bekommt man aus ihm 2 Blätter ist's ein Folio, bei 4 ist's Quart, bei 8 spricht man von Oktav. Zur Abkürzung wird das Gradzeichen verwendet. 8° bedeutet also Oktav und somit, dass 8 Blätter aus dem Ursprungsbogen kamen. Da jeder Bogen vorn und hinten beschrieben werden kann, entspricht 8° 16 Buchseiten.

Im Anhang ist ein Bild von zwei 8°-Büchern. Sie sind annähernd gleich alt (1805 und 1818), unterscheiden sich aber deutlich in der Größe. Das hat zwei Gründe:
1.) Es gab keine Normen für Schöpfsiebe
2.) Die Art der Beschneidung
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schöpfsieb.jpg   oktav.jpg  
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Alt 10.06.2013, 17:59   #2
orthogonal
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Ein Richtwert für den Bogen war der römischen Pergamentbogen, der ungefähr dem heutigen A2 entspricht. Dieser wurde nun also beidseitg bedruckt, gefaltet und beschnitten. (Zum Nachbasteln empfiehlt es sich, erst zu falten) Als Beispiel nehme ich das 8°, weil es recht häufig vorkommt und ungefähr den Maßen heutiger Romane entspricht.

Weil der Bogen später gefaltet wird, muss die jeweils untere Reihe kopfüber gedruckt werden. Nach dem Falten hält man bereits eine Lage in Händen. Der Kopfschnitt ist offen, Vorder- und Unterschnitt an manchen Stellen noch nicht.

Die einzelnen Lagen werden am Heftblock zusammengefügt, dann geht es ans Beschneiden, um die 16 Seiten wirklich durchblättern zu können.
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drucken.jpg   falten.jpg   schneiden.jpg  

Geändert von orthogonal (10.06.2013 um 18:45 Uhr)
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Alt 10.06.2013, 18:10   #3
orthogonal
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Sobald die Lagen zum Buchblock zusammengetragen wurden, werden sie beschnitten, das heißt alle drei Buchseiten werden auf das gleiche endgültige Format gebracht. Das geschah früher mit einem Hobel ... oder eben gar nicht.

Das größere der beiden Bücher ist so ein "unbeschnittenes" Buch. Es wurden zwar die zusammenhängenden Seiten voneinander getrennt, nicht jedoch alle auf eine einheitliche Länge gebracht. So finden sich im Buch schmälere Seiten mit geraden Kanten und bereite Seiten mit ausgefransten Rändern. Das macht Sinn, wenn man sich vor Augen führt, dass Bücher früher Prestige-Objekte waren. Sie wurden häufig in einem provisorischen Einband (Interimseinband) ausgeliefert, der neue Eigentürmer ließ sie dann so schneiden und binden, dass sie bestmöglich in seine Bibliothek passten.

Eine Bestimmung ist am einfachsten anhand der Lagenzählung möglich. Findet man 8 Blätter/16 Seiten zusammengefügt, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit ein 8° sein. Soll gekennzeichnet werden, dass besonders viel Rand neben dem Text ist (= wenig beschnitten wurde), ist es üblich "gr" für "groß" dem Format voranzustellen.
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unbesch.jpg  

Geändert von orthogonal (10.06.2013 um 22:45 Uhr)
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Alt 10.06.2013, 18:19   #4
orthogonal
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Häufige traditionelle Formate und deren ungefähre Rückenhöhe sind
2° Folio - 32–35 cm
4° Quart - 23–26 cm
8° Oktav - 18–20 cm
12° Duodez - 13–17 cm

Weiters geläufig sind noch
16° Sedez
18° Oktodez
20° Vigesimo
24° Vigesimoquart

Nicht jedes alte Buch entspricht einem dieser Formate. Audubons wunderschönes "The Birds of America" zB ist ziemlich genau einen Meter hoch. Bei einer kleineren Ausgabe wäre es nicht möglich gewesen, die Tiere in Originalgröße abzubilden. Das aktuell kleinste Buch dürfte aus Japan kommen, hat 22 Seiten und 0,01 Millimeter kleine Schriftzeichen.
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boa.jpg   kb.jpg  

Geändert von orthogonal (10.06.2013 um 22:47 Uhr)
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Alt 10.06.2013, 20:31   #5
Chippi
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Großartige Beiträge! Da muss ich bei Gelegenheit mal suchen, habe noch ein ungeschnittenes Werk von 1909 (glaube ich), da kann man einige Seiten gar nicht lesen. Ebenso hab ich ein kleines Buch über Buchdruck im Regal von 1928, es ist ebenfalls sehr informativ. Bilder folgen, wenn ich die Bücher in meinem Chaos finde.

Gruß Chippi
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Alt 10.06.2013, 22:16   #6
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....und ich lerne ja noch richtig was hier. Klasse Beitrag.

mfg chris
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Alt 10.06.2013, 23:06   #7
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Zitat:
Zitat von Chippi Beitrag anzeigen
Da muss ich bei Gelegenheit mal suchen, habe noch ein ungeschnittenes Werk von 1909 (glaube ich), da kann man einige Seiten gar nicht lesen.
Ich erlaube mir mal, Chippi etwas auszuhelfen...

Und hänge gleich eine Frage an: Was ist das übliche Vorgehen der Bücherfreunde bei solchen Fällen ? Von Hand schneiden, um das Buch nutzen/lesen zu können ? Oder so erhalten ?
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buch1.jpg   buch2.jpg   buch3.jpg   buch4.jpg   buch5.jpg  

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Schöne Grüße,
MR
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Alt 11.06.2013, 11:58   #8
orthogonal
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Zitat:
Zitat von Numis-Student Beitrag anzeigen
Ich erlaube mir mal, Chippi etwas auszuhelfen...

Und hänge gleich eine Frage an: Was ist das übliche Vorgehen der Bücherfreunde bei solchen Fällen ? Von Hand schneiden, um das Buch nutzen/lesen zu können ? Oder so erhalten ?
Schöne Bilder, danke dafür! Es ist wie mit einer leicht dezentrierten Münze. Der Wert steigt durch solche "Fehler" kaum. Allerdings wirst du lang suchen müssen, bis du wieder so eines findest.

Wenn du es für deine Forschung brauchst, ist es bei diesem Buch kein Sakrileg die Seiten zu öffnen. Aus der Sicht eines Bücherfreundes aber ist der Rat, diese Kuriosität zu belassen wie sie ist. Es klingt banal, aber Bücher unterscheiden sich von vielen anderen Sammelobjekten durch die zusätzliche Dimension. Da ist das Buch als Objekt, als bearbeitetes, gebundenes Papier. Es ist aber auch ein Hort von Ideen. Es kommt schlicht darauf an, welche der beiden Seiten du stärker gewichtest. Objekt - belassen, Inhalt - öffnen.

Nur bei hochpreisigen Büchern ist es ratsam ein weiteres (Lese-)Exemplar zu finden, statt in den ursprünglichen Zustand des "fehlerhaften" zu verändern.
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Alt 11.06.2013, 12:36   #9
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Hallo,
das Buch steht schon einige Jahre ungelesen im Regal, bisher hatte ich noch keinen Bedarf, das Buch zu lesen.

Dann weiss ich Bescheid, falls es mal nötig ist, könnte man es öffnen, oder bei Gelegenheit für ein paar Euro noch ein Zweitexemplar kaufen.
__________________
Schöne Grüße,
MR
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Alt 11.06.2013, 13:08   #10
Chippi
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Standard Ungeschnittene Bücher

So, hab jetzt mal gesucht und 3 Bsp. gefunden. Das erste Bsp. von 1817 wurde so vom Buchdrucker verkauft, einfach broschiert. Damit ging man zum Buchbinder und ließ sich einen Einband seiner Wahl und Preisklasse anfertigen. Die anderen beiden Bsp. hat man kriegsbedingt so gelassen (von 1917 und 1918).

Gruß Chippi
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IMGP8800.jpg   IMGP8801.JPG   IMGP8803.JPG   IMGP8804.jpg   IMGP8805.jpg  

IMGP8806.jpg   IMGP8807.jpg   IMGP8808.JPG  
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