Kunst und Trödel

 


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Schwarze Kunst Grundsätzliches zu Druck, Bindung, Einbänden, Lagerung, Restaurierung, Bilder von Bibliotheken, etc.

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Alt 28.09.2017, 00:13   #1
mcadder
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Standard Das lange Leben der Holzschnitte

Die Technik des Holzschnitts ist älter als der Buchdruck, möglicherweise wurden noch vor den ersten von Gutenberg gedruckten Büchern sogenannte Blockbücher , hergestellt, dabei wurde ganze Seiten des Buches, Text wie Bilder, in den Holzblock geschnitten und so Bücher gedruckt.
Jedenfalls waren illustrierte Bücher immer schon beliebt, und während sich ein Buch mit handgemalten Miniaturen nur die reichsten und mächtigsten leisten konnten, waren Holzschnitte vergleichsweise erschwinglich. Dennoch stellten sie für den Drucker eine erhebliche Investition dar
daher wurden sie in den meisten Fällen mehr als einmal verwendet. Holzschnitte wurden getauscht, gehandelt und sind auch oft in den Vermögensverzeichnissen von Druckern im Erb- oder Insolvenzfall verzeichnet, und wurden dann von Konkurrenten erworben, das kam ja gerade in der Anfangszeit der Druckerei gar nicht selten vor.
Die Druckstöcke wurden oft über Generationen verwendet, oftmals auch nachgeschnitten oder kopiert wenn sie ausgedruckt waren. Wenn der Drucker sich das nicht leisten konnte oder wollte wurden aber nicht selten die beschädigten Stücke einfach weiter verwendet, da finden sich dann Risse, oder auch die Abdrücke von Nägeln , sodass das Motiv nur noch schwer erkennbar ist.

Jetzt möchte ich einige Illustrationsfolgen zeigen, die ich wegen ihrer langen Verwendung oder aufgrund der Geschichte bemerkenswert finde, gerade im religiösen Bereich ist es eine Seltenheit, wenn Illustrationen nur einmal verwendet wurden, die Motive an sich änderten sich ja kaum, auch wenn sich der Geschmack mit der Zeit änderte, konnte man alte Illustrationen billiger anbieten.
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Alt 28.09.2017, 00:15   #2
mcadder
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Wenn man die Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Abdruck von den Holzstöcken nimmt wir wohl der Triumphzug Kaiser Maximilians I. eine der am längsten in Gebrauch befindlichen Serien gewesen sein. Maximilian achtete genau auf sein Image und könnte vielleicht als eines der ersten PR Genies gesehen werden. Neben anderen auch heute noch bekannten Werken wie dem Theuerdank Digitalisat, Weißkunig Digitalisat oder der Triumphpforte war der Triumphzug mit seinen 137 Blättern ein monumentales Holzschnittwerk von damals führenden Künstlern wie Hans Burgkmair d. Ä., Leonhard Beck, Hans Schäufelin, Albrecht Dürer, Hans Springinklee. Ihm Zugrunde liegen Zeichnungen, die heute in der Albertina verwahrt werden und vor einigen Jahren in einer Austellung gezeigt wurden. Auch die originalen Holzstöcke des Triumphzuges sind erhalten und werden heute dort aufbewahrt. Bsp.
Dieser Triumphzug wurde erstmals 1526 gedruckt, letztmals 1883 im Auftrag des österreichischen Kaiserhauses. Dazwischen gab es immer wieder Drucke einzelner Stöcke und insgesamt aber nur vier komplette Auflagen.
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Alt 28.09.2017, 00:16   #3
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Bei Bibelillustrationen ist die Wiederverwertung natürlich besonders einfach, da sich der Text ja über die Jahrhunderte kaum verändert hat. Die Auflagezahlen von Bibeln waren hoch, damit rechnete sich auch die Herstellung von aufwändigen und zahlreichen Illustrationen. So gibt es beispielsweise eine venezianische Bibel mit ca 600 Holzschnitten Digitalisat (in mehereren Auflagen erscheinen zwischen 1570 und 1587)
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Alt 28.09.2017, 00:17   #4
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In Venedig erschien auch eine langlebige Holzschnittfolge hier eine Ausgabe von 1611 und 1720 Ich habe eine Ausgabe von 1607, meine aber auch schon welche aus dem späten 16. Jh. gesehen zu haben. Momentan wir auch eine Ausgabe von 1677 angeboten, es gibt jedenfalls viele, leider ist mir keine so schöne Übersicht wie bei den Holzschnitten der Sternbibeln bekannt. Der Urheber der Holzschnitte ist mir nicht bekannt, vielleicht weiß ja jemand von euch etwas dazu.
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Alt 28.09.2017, 00:17   #5
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Sogar noch langlebiger sind die über 100 Holzschnitte, wohl von Jakob Mores, die die Bibeln der Druckerei Stern schmücken, diese wurden zwischen 1588 und 1787 in mindestens 52 Ausgaben von unterschiedlichen Druckern verwendet. Möglich wurde das, weil die originalen Holzstöcke nie zum drucken verwendet wurden sondern immer Klischees also Kopien bzw Abgüsse hergestellt wurden, mit denen dann gedruckt wurde. Siehe mit Verzeichnis der 52 Auflagen)
Hier eine Ausgabe aus Hamburg von 1596 noch bevor die Druckerei Stern gegründet wurde, und eine von 1750.
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Alt 28.09.2017, 00:19   #6
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Aber Holzschnitte wurden nicht nur lange verwendet und weitergegeben, manche waren so beliebt, dass sie kopiert wurden und somit mehrere Sets gleichzeitig in unterschiedlichen Städten gedruckt wurden. Als Beispiel dafür die Illustrationen zum alten Testament von Hans Holbein d Ä.

Er dürfte diese Holzschnitte berits in den 1520iger Jahren in Zürich geschaffen haben, die ersten Drucke erscheinen in der Froschauerbibel von 1531 (Faksimile mit einer Zusammenfassung der Geschichte der Züricher Bibel am Ende). Diese Holzschnitte erscheinen letztmals in der Bibel von Wolff in Zürich 1618 verwendet (Digitalisat 1596)
Als eigentliche Originale gelten aber die Holzschnitte, die bei de la Porte und später Frellon in Lyon erschienen. Hier wurde die Serie sowohl als Bilderbibel als auch mit kompletten Bibeltext in einigen Auflagen ab 1538 bis wenigstens 1551
Gleichzeitig wurden in Antwerpen 1541 und 1542 beinahe identische Kopien verwendet, die später nach Paris gingen und ab 1552 dort verwendet wurden.
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Alt 28.09.2017, 00:20   #7
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Die Schnitte von Holbein waren zu jener Zeit außerordentlich beliebt, neben den genauen Kopien gab es noch eine ganze Reihe freier Kopien oder Interpretationen, beispielsweise wurde für die einzige Basler Vollbibel (gedruckt bei Brylinger 1552) große Holzschnittinitialen nach dem Vorbild Holbeins gefertigt. Da gibt’s dann eine besondere Form des Recyclings, die Bibel verkaufte sich offenbar schlecht und die Druckerei Froschauer kaufte die Restbestände auf, fertige ein neues Titelblatt an, druckte die letzte Seite mit dem Druckvermerk neu und verkaufte die Bibel als die ihre. (1565, Quelle).
Diese Illustrationen schaffen dann sogar den Sprung von der Reformation zu den Katholiken und erscheinen in der Eck Bibel 1611 nochmals.
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Alt 28.09.2017, 00:20   #8
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Es kam immer wieder vor, dass Illustrationen sowohl für reformierte als auch für katholische Bibeln verwendet wurden. Teilweise mussten dafür allerdings einzelne Holzschnitte korrigiert werden, da in den Lutherbibeln das Tier aus dem Abgrund in der Apokalypse immer wieder mit Papstkrone dargestellt wird. Zum Vergleich die Bilder von Virgil Solis, die ab 1560 für über 50 Jahre immer wieder sowohl in Luther-als auch in Dietenberger Bibeln abgedruckt wurden. Mit Krone (1560) und ohne (1592).
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Alt 28.09.2017, 00:24   #9
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Besondere Wertschätzung erfuhren auch die Holzschnitte der ersten Lutherbibel 1534, diese wurden, wenn sie ausgedruckt waren nachgeschnitten und immer wieder verwendet, zum letzten Mal wohl in der Wust Bibel von 1703. Diese ist allerdings nur noch ein Abklatsch früherer Bibeln wie jener von Lufft. Hier wurden offensichtlich alle Stöcke verwendet, die bis dahin überlebt haben, so finden sich in dieser Bibel neben einigen Nachschnitten der Illustrationen von 1534 auch noch Originale der Holzschnitte von Lemberger (ab 1540), viele von Teufel (1572), im Gegensatz zum 16. Jh ist in dieser Bibel auch das neue Testament durchgehend bebildert, verwendet wurden hier Bilder aus den Wittenberger Perikopenbüchern des 16. Jh. Diese Bibel gibt es auch als exakt gleich gesetzte Variante mit Kupferstichen von Daucher. Um die leeren Stellen mit Holzschnitten füllen zu können hat man einige male die selben Bilder aus unterschiedlichen Illstrationsfolgen abgedruckt, wenns gar nicht anders ging auch mal Schnitte wiederholt. Da man wahrscheinlich keine Illustrationen zu den Propheten mehr hatte, finden sich dort sehr einfache Holzschnitte.
Leider habe ich zu diesem Sammelsurium des Wittenberger Holzschnitts kein Digitalisat gefunden, daher müsst ihr mit Bildern aus meinem Exemplar vorlieb nehmen.

Solche späten Sammlungen von Illustrationen wie die Wust Bibel sind für viele Sammler uninteressant, da die Qualität der Abdrucke nicht mehr so gut ist, wie bei den ersten Auflagen, außerdem bekommt man keine komplette Serie, sondern von jedem Künstler nur einige wenige Holzschnitte, ich finde es aber eine schöne Möglichkeit in einem Buch die Unterschiede vergleichen zu können. (Ganz abgesehen von Preisvorteil einer Wust Bibel des 18.Jh. gegenüber einer Lufft Bibel)
Miniaturansicht angehängter Grafiken
Biblia Wust 1703.jpg   Crnach Luther 1534.jpg   Lemberger 1540 1703.jpg   Teufel 1703.jpg   Nachschnitt 1703.jpg  

Perikopen1 1703.jpg   Perikopen2 1703.jpg  
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Alt 28.09.2017, 00:24   #10
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Was die Wust Bibel für die Wittenberger ist, habe ich in den Evangelien und Epistlen von Kempff (1543 Grüninger in Colmar) für die Straßburger Holzschnitte gefunden.

Es finden sich sogar einige Holzschnitte aus vorlutherischen deutschen Bibeln, der Straßburger Bibel (Köpfel 1530) und der Knobloch Bibel 1524.
Außerdem noch einige „brave“ Holzschnitte aus der Straßburger Version des Passional Christi und Antichristi und große Holzschnitte aus verschiedenen Evangelienbüchern und Ausgaben von Geiler von Kaisersperg bei Grüninger, großteils aus der Postinkunabelzeit und einer von Hans Baldung Grien aus der bekannten Serie der 10 Gebote
Sogar aus einer Plutarch Ausgabe wurde ein Holzschnitt verwendet (1541 und hier 1555)
Im Übrigen habe ich noch immer nicht herausgefunden von wem oder woher die Geburt Jesu (Blatt XX vorne PDF S. 90) und die heiligen drei Könige (Blatt XXVII vorne, PDF S. 104) stammen, dabei finde ich diese absolut unverwechselbar und habe immer das Gefühl sie schon mal gesehen zu haben. Kann mir da jemand helfen oder kennt eine ähnliche Darstellung mit der ich sie verwechseln könnte?

Geändert von mcadder (28.09.2017 um 00:38 Uhr)
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