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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Heimat-Schein 1929


v64motion
06.10.2009, 09:47
Hallo,
habe einen Heimat-Schein von 1929 im guten Zustang gefunden ist der was Wert??

Austroparts
06.10.2009, 14:53
:) Alte Dokumente sind oft wunderbar grafisch gestaltet, erstellt zu einer Zeit wo man noch Wert auf gute Handschrift legte. Dein Heimatschein ist ein gutes Beispiel dafür, ein wirklich schönes Dokument. Urkunden, Dokumente und Schriftstücke welche histoisch bekannten Personen bzw. Persönlichkeiten zuordenbar sind haben Sammlerwert. Dies trifft auf Deinen Heimatschein nicht zu. Wenn er Familie ist, halt ihn in Ehren. Und ist er es nicht, kannst Du Dich noch immer an der Schönheit ergötzen.

Grasl
06.10.2009, 16:15
Hab auch Einige Taufscheine, Geburtsurkunden und so Zeugs herumliegen gehabt. War nicht von meiner Familie. Händler waren dran nicht interessiert, da hab ich sie dann einem Freund geschenkt....

Poestlingberg
11.10.2009, 12:26
Heimatscheine sind schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der das bedeutungsvolle Wort "Heimat" noch nicht negativ besetzt war.
Selbst aber die heute zahnlosen Vertriebenenverbände scheuen sich heute in ihren in weiten Teilen schwachen Publikationen einen solchen abzudrucken geschweige denn die soziale Komponente dieser frühen Art der Altersversorgung aufzuzeigen.
Wir leben in einer Zeit, in der einfach alles "alte" pauschal schlecht gemacht wird und der Eindruck erweckt werden soll, dass "früher" alles schlecht war.
Woher diese Strömungen kommen weiss jeder, der etwas näher hinter die Struktur der heutigen westlichen "Demokratien" kuckt.
Den heutigen Ewig-Studenten, die dann ein paar Jahre im geheizten Büro sitzen und dann mit 48 in Frühpension gehen "aus gesundheitlichen Gründen" spreche ich jede Kompetenz ab beim Thema "Heimatschein" auch nur einen Kommentar abzugeben.
Leider ist in der Realität genau das Gegenteil der Fall: Milchgesichtige Bürohengste, genannt "Historiker", glauben zumal sogar den Heimatschein als eine typisch nationalsozialistische Einrichtung titulieren zu können.
Kein Witz! Habe ich erst kürzlich auf einer Tagung erlebt! (Linz, Oberösterreich, Wissensturm am 10. Oktober 2009)
Vor so viel Volksverblödung kann man nur mehr kapitulieren!
Ein wichtiger Aspekt beim Anspruch auf einen Heimatschein wird überdies auch oft vergessen: Dieser mußte über viele Jahre "ausgesessen" werden.
Es war also kein "geschenktes Papier" Papier, sondern ganz im Gegenteil ein durch das aktiv bürgerliche und nachweislich nicht-kriminelle Leben des Antragsstellers ein höchst wertvolles Dokument, für beide Seiten: Für den Heimatscheinbesitzer und für die zuständige Gemeinde.
Einen Heimatschein zu besitzen geht weit über den Besitzerstolz eines heutigen Paßinhabers hinaus und ist für uns Nachgeborenen nie in seiner ganzen Tragweite faßbar wie ich meine. Das bis ins Detail auszuführen würde wohl den Rahmen sprengen, ich setze einfach mal Stichworte wie "keine Staatsrente", "Altersarmut", "Versehrtenversorgung" ....
Fakt bleibt, dass die Heimatscheinregelung eine hervorragende Errungenschaft im alten Euroap war und die Geschichte des Heimatscheines de facto in jede soziale Betrachtungsweise der Lebensumstände in längst vergangenen Jahrzehnte u n b e d i n g t gehört;
Auch wenn so ein Heimatschein heute nicht in klingende Münze umzusetzen ist, ist beispielsweise eine Familiengeschichte ohne vorliegende Heimatscheine nur die halbe Miete (persönliche Ansicht nach eindringlicher Feldforschung)
Fremde Heimatscheine können für Regionalforscher eine gewisse Bedeutung, da daraus Rückschlüsse auf die jeweilige Gemeinde gemacht werden können.
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass natürlich immer wieder Familienforscher nach bestimmten Heimatscheinen suchen.
Jenen einen passenden Heimatschein für den Lohn Gottes anzubieten versteht sich für jeden der unsere Heimat liebt von selbst.
Dahingehend sei der Ersteller dieses Beitrag freundlich aufgefordert, das Stück auf einschlägigen Seiten im Internet auszustellen.
Sollte sich tatsächlich jemand melden der den Schein für die Familie nutzen kann kann ich dem Verfügungsteller schon jetzt garantieren, dass ihm hohe Belohnung winken wird, die höchste überhaupt: DIE FREUDE EINES ANDEREN MENSCHEN DER DIESEN SCHEIN LANGE GESUCHT HAT!

Gratian
13.10.2009, 22:13
Früher mußte man sich nicht nur polizeilich anmelden, sondern auch das Heimatrecht erwerben. Das Orts-Heimatrecht bestimmte die Zugehörigkeit zur Gemeinde – eine Art von Gemeindebürgerschaft, die es in manchen Kantonen der Schweiz noch heute gibt. (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Heimatschein)

Die Heimatscheine bezogen sich also auf die Zuständigkeit der Gemeinde. Die Heimatscheine waren deren Beurkundung.
Das Heimatrecht wurde nicht durch den Zuzug automatisch erworben, sondern man mußte sich darum bemühen.

Mit dem Heimatrecht hatte man Anspruch auf ungestörten Aufenthalt, das Wahlrecht und (ganz besonders wichtig) auf soziale Versorgung im Falle von Armut oder Not.

Das Heimatrecht konnte durch Amtsantritt (Beamte), Ersitzung (nach 10 Jahren durchgehendem Aufenthalt), Eheschließung (bei Frauen) und Abstammung (wenn die Eltern es besessen hatten) erworben werden. Bekommen hat man es im letzten Fall vom Vater, bei ledigen Kindern vom mütterlichen Großvater. Frauen bekamen bei der Heirat die des Ehemannes. Durch zweijährige Abwesenheit (Verschweigung) konnte man es verlieren. Zog man also in einen
anderen Ort um, mußte man dort erst um die Heimatgerechtigkeit/Zuständigkeit ansuchen oder erwarb sie nach einigen Jahren unbescholtenem Aufenthalt auch automatisch. Ließ sich ein Fremder etwas zuschulden kommen oder wurde nur arbeitslos, konnte er gewaltsam in seine zuständige Gemeinde gebracht werden, wo man sich um ihn kümmern mußte.

Aber es gab auch Fälle, die schon jahrzehntelang in einer Gemeinde gelebt hatten und trotzdem nicht dort, sondern woanders das Heimatrecht hatten. Das lag im Ermessen der Gemeinde. Waren Kosten zu befürchten, haben sie oft das Heimatrecht verweigert.

Geschichtlich entwickelte sich die Zuständigkeit aus der alte Zugehörigkeit zu einer Grundherrschaft oder einer Stadt bzw. eines Marktes. Mit der Auflösung der Grundherrschaften (in der Habsburgermonarchie 1848) wurde diese Zuständigkeit (Versorgungspflicht) auf die neugegründeten Gemeinden übertragen.

Wanderte ein Bewohner eines Ortes ab, so benötigte er ebenfalls einen Heimatschein. Mit diesen Heimatschein konnte er sich wo anders ansiedeln und arbeiten. Wenn er sich an dem neuen Ort gut führte, wurde er dort aufgenommen. Es muss über die Aufnahmen auch Protokolle geben. Wenn er jedoch verarmte, musste seine Heimatgemeinde für seinen Unterhalt aufkommen. Selbst wenn der männliche Abwanderer dort inzwischen geheiratet hatte, mussten seine Kinder und die Ehefrau bei seiner Heimatgemeinde geführt werden. Sie wurden dann mit in den Mannschaftsbüchern als x-Wohnpartei unter seiner letzten Hausnummer oder unter der Hausnummern von einen Bruder mitaufgeführt. In der Regel mit den Daten. In den Mannschaftsbüchern findet man auch Klagen der Heimatgemeinde gegen den neuen Wohnort des Abwanderers. Dies geschah nach 10 Jahren, wenn er bis dahin nicht aufgenommen wurde. Von daher sind die Mannschaftsbücher für die Verstreuung der Familien sehr wichtig. Bei weiblichen Abwanderern wurden auch deren unehelichen Kinder in der Ferne mit aufgeführt. In der Regel wurde auch die spätere Heirat mit Datum vermerkt. Dies war für die heimatzuständigen Gemeinden sehr wichtig.

In der Praxis hatte das Heimatrecht Bedeutung, wenn es Probleme gab. Lebte ein Mensch außerhalb seiner Heimatgemeinde und wurde dort beispielsweise arbeitslos, oder gar straffällig, dann wurde er in seine Heimatgemeinde abgeschoben, die sich um ihn kümmern mußte. Gerade die großen Städte, die zwischen 1848 und 1914 eine Masseneinwanderung erlebten, waren mit der Verleíhung des Heimatrechtes an die Neuzuwanderer (aus demselben Staat) sehr sparsam. Nicht nur finanzielle Gründe waren da ausschlaggebend, sondern auch Kulturelle. So mußten sich Neueinwanderer in Wien ausdrücklich und schriftlich zur deutschen Sprache und Kultur bekennen um die Heimatberechtigung zu erhalten. Freilich war das nur Theorie, denn hatten sie die Heimatberechtigung einmal erhalten, konnten sie ihre sprachliche und kulturelle Zugehörigkeit natürlich widerrufen.

Wichtig war die „Heimatzuständigkeit“ auch noch für die militärische Zugehörigkeit, also wohin man einrücken musste (auch eine Generation später noch).

1939 wurde das Heimatrecht in Österreich und der Tschechoslowakei aufgehoben, an seine Stelle trat nach 1945 der Nachweis der Staatsbürgerschaft. (Quelle: www.zwittau.de)